Travis Pastrana ist, so sagt er, “der unzurückgetretenste Fahrer der Welt”. Warum ihn die Faszination Red Bull X-Fighters auch nach seinem Rücktritt nicht loslässt, wen er für seinen Kronprinzen hält und warum er im Rallye-Auto ein so schlechter Co-Pilot wäre, verrät er im zweiten Teil unseres Interviews.
2006 hast du deinen Rücktritt vom FMX-Sport angekündigt – nur um 2007 als zweifacher Gastfahrer mal eben die Red Bull X-Fighters-Gesamtwertung zu gewinnen. Welche Hintertür hast du dir diesmal offen gelassen?
Letztes Jahr war es ja auch wirklich wie verhext: Kaum entschließe ich mich dazu, mit dem FMX aufzuhören, wird eine Red Bull X-Fighters-Meisterschaft ausgeschrieben. Klar, dass ich da nicht widerstehen konnte und bei den zwei Events, die nicht mit Rallye-Terminen kollidierten, ein bisschen Spaß haben wollte. Ich fuhr also nach Slane Castle und habe mich auf der Stelle in den Venue verliebt. Dane Herron hat dort den genialsten Kurs hingestellt, den ich je gesehen habe. Die Fahrer waren völlig von den Socken von der Quarterpipe und dem Flow des ganzen Tracks. Es war, als ob da mein Name drauf stünde, so gut ist mir der Kurs gelegen. Dazu kam, dass Lord Henry mit Golfschlägern und Luftdruckgewehren ankam und wir zwischen unseren Übungseinheiten ein bisschen damit herumspielen konnten. Alles in allem hatte ich eine gute Zeit und konnte meinen Rhythmus schneller finden als erwartet.
Nette Untertreibung: Du hast den Event ebenso überlegen gewonnen wie jenen in Madrid – und damit auch die Gesamtwertung 2007. Wem traust du denn 2008 zu, in deine Fußstapfen zu treten?
Da draußen sind eine Menge genialer Fahrer, aber ich rechne damit, dass Dany Torres heuer seinen großen Auftritt hat. Er hat in der letzten Saison einen derart großen Sprung nach vorne gemacht, dass ihn schon die Hälfte davon zu dem Mann gemacht hätte, den es 2008 zu schlagen gilt. Dazu kommt, dass Dany der Liebling des Publikums ist, vor allem in Madrid. Nate Adams ist zwar wahrscheinlich der beste Freestyle Rider der Welt, aber er bringt seine Tricks so perfekt und sauber rüber, dass die Masse der Leute gar nicht mitbekommt, wie unglaublich schwierig sie eigentlich sind. 20 Prozent der Punkte bei Red Bull X-Fighters vergeben die Fans, das kommt Nate nicht entgegen.
Und wer hat nach Dany und Nate das meiste Potential?
Die zwei anderen Fahrer, denen ich den Titel zutraue, sind Eigo Sato und Mat Rebeaud, beides echte Veteranen, die konstant Leistung bringen und jederzeit gewinnen können. Eigo hat ein paar der größten Flip-Tricks drauf und muss nur auch den Rest des Runs auf die Reihe kriegen. Mat wurde letztes Jahr Zweiter, und zwar trotz eines gebrochenen Daumens. Er ist tough und bereit, alles zu tun, um die entscheidende Stufe höher zu klettern.
Dasselbe Ziel hast du im Rallyesport. Anders als beim FMX kontrollierst du aber hier nicht alleine Sieg und Niederlage, Crash und Risiko, sondern musst blind deinem Co-Piloten vertrauen. Wie kommst du damit zurecht?
Das war tatsächlich die anspruchsvollste Herausforderung beim Umsteigen vom Motocross zum Rallyesport: Ich habe mein ganzes Leben lang gelernt, alles auszublenden und mich auf meine Leistung zu konzentrieren. Fürs Rallyefahren musste ich mich umprogrammieren: Jetzt muss ich gleichzeitig lenken und zuhören. Ich musste lernen: Wenn ich den Co-Pilot ausblende, fliegen wir von der Strecke.
Was für eine Art von Co-Pilot bist du denn selbst, privat wie im Rennen: Bist du einer von denen, die dem Fahrer ständig dreinreden und alles besser wissen?
Ich bin ein lausiger Beifahrer. Ein Rallye-Co-Pilot könnte ich niemals sein: Denn je besser ein Fahrer ist, umso mehr Angst habe ich – weil wir dann auch umso schneller unterwegs sind, wenn wir einen Crash bauen ...
Dany Torres und Travis Pastrana Travis Pastrana Travis Pastrana Travis
"Lieber crashen als kneifen"
Bis zum Vorjahr war Travis Pastrana der ungekrönte König des FMX. Nun ist er unwiderruflich auf den Rallyesport umgestiegen. Sagt er. Warum ihn FMX trotzdem noch immer fesselt, wie Red Bull X-Fighters den Sport weitergebracht haben und was er für die größte sportliche Leistung seines Lebens hält, erzählt er in der ersten Hälfte unseres zweiteiligen Interviews zum Anlass des Starts der Red Bull X-Fighters-Saison am 4. April in Mexico City.
Dass du den FMX-Sport aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben hast, erinnert uns daran, dass sogar Red Bull X-Fighters nur ganz normale Menschen sind. Schwer vorzustellen ist ein Travis, der in Jogginghosen mit Popcorn vor dem Fernseher sitzt und mit sich und der Welt zufrieden ist, trotzdem. Gibt’s den tatsächlich?
Nicht wirklich, denn mein Sport ist mein Leben. Und dass ich an keinen Wettkämpfen teilnehme, heißt ja nicht, dass ich nicht trotzdem fast jeden Tag am Motorrad sitze. Ich schätze, ich bin der unzurückgetretenste nicht-wettkämpfende Fahrer der Welt ;-) Letzte Woche zum Beispiel habe ich einen no handed rodeo 720 versucht. Zum Glück habe ich Sponsoren wie Red Bull, die mir erlauben, mich jetzt mehr auf Videos und Freeriding zu konzentrieren. Ich meine, ich liebe die Shows, aber ich glaube nicht wirklich, dass man Style objektiv beurteilen kann. Und es macht mir zwar Spaß, mich und den Sport immer weiter zu pushen – aber neben dem Rallyefahren wäre es zu schwierig, die Trainingszeit freizuschaufeln, die man beim FMX zum Gewinnen braucht.
Ein freier Tag für dich unterscheidet sich demnach nicht wesentlich vom durchschnittlichen Trainingstag eines aktiven FMXers?
Ich habe eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, nur herumsitzen geht für mich gar nicht. Wenn ich ausspannen will, fahre ich mit dem Rennrad 100 Meilen. Freestyle passt deshalb so gut zu meiner Persönlichkeit, weil es nicht so sehr um Perfektion geht, sondern um Kreativität und Originalität. Es erlaubt dir, viel spontaner zu sein als bei Motocross-Rennen. Und Rallyefahren macht mir Spaß, weil man die Straßen nicht kennt und so seinem Co-Piloten blind vertrauen muss. Man ist ständig am Limit, nicht so wie auf der Rennstrecke, wo jeder den Kurs kennt und der Erfolg in Zehntelsekunden gemessen wird.
Fällt dir eine Situation in deiner Vergangenheit ein, in der du gerne mutiger gewesen – und eine, in der du lieber ein kleines bisschen feiger geblieben wärst?
Mein Ziel im Leben ist, niemals irgendetwas zu bedauern, lieber zu crashen als zu kneifen. Wahrscheinlich wäre ich ein erfolgreicherer Rennfahrer gewesen, wäre ich manches ein bisschen vorsichtiger angegangen ... aber so bin ich nun mal.
Den größten Ruhm verdankst du deinem Double Backflip bei den X Games 12. Ist er auch für dich das Highlight deiner Karriere?
Mit dem Double Backflip habe ich sicherlich die meisten Leute erreicht. Plötzlich bekamen auch Leute, die sich sonst nicht für FMX interessieren, eine Ahnung davon, wie sich jeder einzelne neue Trick für uns Athleten anfühlen muss. Für mich selbst war der Double Backflip nur einer von vielen Tricks, auf die ich stolz bin – auch wenn er wegen der Elektrizität, die damals im Stadion herrschte, ganz sicher eine einzigartige Erfahrung war. So etwas habe ich vorher nie gefühlt, und wahrscheinlich werde ich es auch nie wieder fühlen.
Und welchen Stellenwert hat er für dich in sportlicher Hinsicht?
Auf der Liste meiner persönlichen Bestleistungen liegt er wahrscheinlich auf Platz drei. Drei Runden mit einem gebrochenen Handgelenk und vier mit einem gebrochenen Knöchel zu fahren, trotzdem die Outdoor National Championship zu gewinnen, und das in meinem Rookie-Jahr, war wohl meine größte Leistung. Mein zweitgrößtes Highlight ist mir am Tag vor dem Double Backflip gelungen, als ich Colin McRae am Rallye-Kurs schlagen konnte.
Red Bull X-Fighters haben dich ebenso geprägt wie du sie. Erzähl uns doch bitte von 2004, als du das erste Mal teilgenommen hast.
Schuld daran ist Kenny Bartram. Dass mir Promoter oder Fans von irgendwelchen Events vorschwärmten, kam damals oft vor. Aber dass mir andere Athleten von einer Veranstaltung erzählen, mit der es keine andere aufnehmen kann, machte mich neugierig. Kenny hat mir seine Begeisterung für Red Bull X-Fighters damals so eindrucksvoll geschildert, dass ich meinen Agenten angerufen und ihm aufgetragen habe, mich da reinzubringen. Er war total schockiert, weil ich mich normalerweise gegen alles, was im Ausland stattfand, mit Händen und Füßen gesträubt habe. Aber es hat sich gelohnt: 2004 habe ich selbst erlebt, wovon alle anderen geredet haben.
Was denn?
Was Red Bull X-Fighters in Madrid von jedem anderen Event unterscheidet, sind die Zuschauer. Das spanische Lebensgefühl kombiniert mit einer ausverkauften Arena, in der jeder nahe am Ausflippen ist – das motiviert jeden Rider, noch ein bisschen mehr zu geben als sonst. Red Bull X-Fighters haben einen Weg gefunden, wie man die Balance hält zwischen einer aufregenden Show mit einem tollen Wettkampf und einer entspannten Party-Atmosphäre für die Fahrer. Denn wenn die Fahrer Spaß haben, holen sie mehr aus sich raus.