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Der rasende Multitasker

Wo Caluori ist, da geht was: ob auf dem Downhill-Track, im Eiskanal, hinter der Kamera, am Schlagzeug und zur Abwechslung auch mal im Abwasserkanal. Seit über zehn Jahren rast Claudio Caluori auf dem Bike Berge hinunter und noch immer liebt er es wie am ersten Tag.

 „Das Rennen, von dem ich gerade komme, zeigte mir wieder, wie geil es ist: die Geschwindigkeit, die Sprünge, die Leute, die Stimmung. Auch wenn ich nicht mehr auf Topniveau fahre, macht es einfach unglaublich Spass.“ Nicht mehr auf Topniveau heisst in seinem Fall immer noch so schnell, wie andere höchstens Auto fahren würden, und das auch nur auf Asphalt und sicher nicht über Felsblöcke, Wurzeln, Kies und was den Downhillern sonst noch zugemutet wird.

Wo ein normal gepolter Biker seinen sicheren Weg ins Spital erblickt, sieht Claudio einen Absprung und eine Landung. „Natürlich hoffe ich manchmal auch, dass niemand den Killersprung der ganzen Strecke nimmt. Denn wenn einer damit anfängt, dann müssen alle drüber, die noch eine Chance haben wollen.“ Früher war Claudio oft selber jener junge Drachentöter, der die gefährlichste Abkürzung eröffnete. „Heute muss ich nicht mehr der Erste sein.“ Seine Aufgabe ist jetzt eine andere: Als Team-Manager will er eine Truppe hungriger Junioren an die Weltspitze führen. Noch ist der Chef seinerseits der schnellste Mann im Team, obwohl er kaum noch Zeit zum Trainieren hat. „Aber das wird sich bald ändern“, verspricht er.
In den letzten zehn Jahren holte der Zürcher mit Bündner Wurzeln sieben Schweizermeistertitel und fuhr im Weltcup in die Top Ten. „Um schnell zu sein, musst du locker bleiben und es krachen lassen“, erklärt er. Auf dem Höhepunkt seiner Kunst zertrümmerte Claudio bei einem Sturz seinen Fuss. „Danach fand ich nicht mehr zu meinem Speed zurück.“ Erfolgreich betrieb er hingegen eigene Projekte – neben dem Bau verschiedener Strecken vor allem jenes, das als „Geheimprojekt“ Berühmtheit erlangte. Der Film ist die Antwort des Rennprofis auf die Freeridefilme. „Ausser wenn ich selber fuhr und deshalb nicht filmen konnte, habe ich alles alleine gemacht“, beschreibt er dessen Entstehung.
    
Kämpfer an vielen Fronten

Claudio als Autor, Regisseur, Filmer, Cutter, Produzent und Fahrer, das passt zu ihm. Einerseits weil er ein vielseitig begabter Mann ist. Anderseits, weil er sich in das, was er tut, nicht gerne reinreden lässt. Das ist so, seit er Rennen fährt, und hat ihm das Leben nicht immer einfacher gemacht. In Diskussionen mit Funktionären und Organisatoren war sein Kampfgeist stets ebenso gross wie auf der Rennstrecke. Nicht, dass er dies aus Spass tun würde, „aber so bin ich halt“, meint er achselzuckend. Als einer der wenigen in der Downhillszene lässt ihn Politik nicht kalt. So steht für ihn fest: „Jeder Sportler, der es sich erlaubt, mit geschlossenen Augen und Ohren nach China an die Olympischen Spiele zu reisen, sein Ding ohne Protestaktion durchzuziehen, ist ein Ignorant.“

Freilich hat Claudio gelernt, auch mal nachzugeben. Er ist freiwillig aus der Nationalmannschaft ausgetreten und hat sein Amt als Sprecher der Weltcupfahrer an einen weniger kontroversen Kollegen abgegeben. „Ich muss aufpassen, dass ich nicht an zu vielen Fronten kämpfe“, begründet er seine neue Nachgiebigkeit. Seine Energie braucht er jetzt für das Team, das er für Tomac neu aufbaut. Kampfplätze bietet das genug: von der Sponsorenjagd über die Materialschlacht bis zum Duell mit besonders geschäftstüchtigen Textilproduzenten.
Zuhause wartet noch ein anderes Team, dessen Betreuung nicht weniger intensiv ist. Tochter Sanoe und Sohn Chandro fordern ihren Teil vom racenden Vater und den erhalten sie auch. Für das Familienbudget ist er sich nicht zu schade, gelegentlich als Kanalreiniger bei einem seiner Teamsponsoren zu arbeiten. Noch etwas hat sich geändert, seit er seinen persönlichen Nachwuchs grosszieht: „Wenn ich heute an ein Rennen reise, dann denke ich: Ich will gesund wieder zurückkommen. Auch wenn man das nicht wahrhaben will, es zieht einem schon die Handbremse an.“ An dieser Handbremse kommen Zweifel auf, wenn man den Zürcher übers Geröll brettern sieht. Für ihn selber zählt jedoch nur noch das Fahrgefühl. Seine eigenen Hundertstelsekunden interessieren ihn nicht mehr, dafür die seiner Jungs umso mehr. Doch auch da gilt: „Zuerst sollen sie mal richtig Freude am Fahren haben.“
 
Zurück zu den Kufen

Ursprünglich war Claudio Eishockeyspieler. Bis 16 war das Eisfeld seine Welt. Daran erinnerte er sich, als er ein Video vom Red Bull Crashed Ice sah. „Für mich war sofort klar: Da will ich mitmachen.“ Zuerst wollte er aber ausprobieren, ob er die Kufen noch beherrscht. 16 Jahre lang hatte er keine Schlittschuhe mehr an den Füssen gehabt. Aus dem Test wurde innert weniger Wochen ein Engagement bei einem kleinen Eishockeyclub, der ihn in seine zweite Mannschaft nahm. Als mehrfacher Schweizermeister im Four Cross mit reichlich Eiserfahrung war er der richtige Mann für Red Bull Crashed Ice. „Das Rennen in Quebec war der geilste Event, an dem ich je teilnahm. Nur schon alleine den Eiskanal runterzufahren brauchte Überwindung – und erst zu viert! Wenn ich wieder eingeladen werde, mache ich auf jeden Fall wieder mit.“
Jetzt, wo er den Winter nicht mehr auf dem Rennvelo und im Kraftraum verbringen muss, hat er Zeit für seine alte Liebe. „Am liebsten würde ich jetzt noch Eishockeyprofi“, lacht er. Daneben würde er gerne Schlagzeug spielen wie ein Weltmeister, er habe aber null Zeit zum Üben. Seine Konzentration gilt jedoch seinem Team. Dieses noch besser zu finanzieren, sodass er Leute einstellen und selber aus dem Hintergrund wirken kann, ist sein Ziel. Noch wichtiger ist ihm, „dass die Jungs eine so gute Zeit beim Biken haben, wie ich sie ebenfalls hatte“. Wenn er ihnen dann noch gelegentlich um die Ohren fahren kann, umso schöner.  






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