Nach ihrem Doppelsieg in Fiera di Primiero, Italien, dem zweiten in diesem Jahr, steht rechnerisch fest: Ein Red Bull-Athlet wird Boulder-Gesamtweltcupsieger 2008. Doch gewinnt David Lama, 17, seinen ersten oder Kilian Fischhuber, 24, seinen dritten Titel? Ein Doppelinterview.
Ist beim Klettern die Wand das Ziel – oder das oben ankommen?
Fischhuber: Das oben ankommen.
Lama: Du kletterst, weil du eine Wand bewältigen willst – aber das Ziel dabei ist immer, irgendwo anzukommen.
... und wenn der Weltcup die Wand ist und dessen Gewinn der Gipfelsieg?
Lama: Dann ist es grundsätzlich das gleiche ...
Fischhuber: ... aber mit dem Unterschied, dass schon jeder Einzelsieg bei einem Weltcup-Bewerb ein Gipfel ist. Den Gesamtweltcup kann man dann wohl mit einer ganzen Bergkette vergleichen.
Der schärfste Rivale um den Gesamtsieg ist für euch beide zugleich Landsmann und Red Bull-Teamkollege. Welche Auswirkungen hat das auf euren Konkurrenzkampf?
Lama: Keine, weil wir Freundschaft und Wettkampf streng trennen. Wir trainieren zusammen und gehen auch oft gemeinsam fort, weil wir nur zehn Kilometer voneinander entfernt wohnen. Aber im Wettkampf schenken wir uns nichts.
Fischhuber: Wahrscheinlich wäre es anders, wenn wir unseren Platz innerhalb des Teams gegen den anderen behaupten müssten. Aber das ist bei uns nicht der Fall.
Ihr kennt Stärken und Schwächen des anderen besser als jeder Gegner. Was macht David bzw. Kilian besonders gefährlich, und was ist seine Achillesferse?
Fischhuber: Davids Stärke ist, dass er sich unheimlich intensiv auf das Wesentliche konzentrieren kann und alles, das er sich vorgenommen hat, dann auch hundertprozentig durchzieht. Wirkliche Schwächen fallen mir keine ein.
Lama: Kilians Stärke ist seine Kontinuität. Er ist seit Jahren in jedem Bewerb unter den Top drei oder Top fünf – das ist etwas, auf das ich erst hinarbeiten muss. In den letzten drei Jahren hat er zwar bei Großereignissen nicht seine ganze Klasse demonstrieren können, aber da war wohl auch viel Pech dabei.
In Italien habt ihr den zweiten Doppelsieg in dieser Saison gefeiert. Was ist der Grund für eure Dominanz?
Fischhuber: Ich glaube, wir sind beide sehr ausgewogen, können uns gut auf unterschiedliche Anforderungen einstellen – und wir trainieren schlau.
Lama: Innsbruck ist ja auch ein fantastischer Ort zum Trainieren. Dauernd ist internationale Konkurrenz da, letzte Woche eine Kletterin aus Belgien, nächste Woche ein Ex-Weltmeister aus Tschechien. Da kann man sich viel abschauen, da merkt man, welche Schwächen man selbst hat, an denen man noch arbeiten kann. Kilian und ich pushen uns beim Trainieren auch gegenseitig sehr.
Vor euch liegen noch zwei Boulder-Bewerbe, der nächste am 4. und 5. Juli in Montauban (Frankreich) und der letzte im November in Moskau. Wie legst du sie an, um deinen Vorsprung auf David zu verteidigen, Kilian?
Fischhuber: Darüber denke ich überhaupt nicht nach. Man darf nicht spekulieren, sondern muss einen Schritt nach dem anderen machen und sich auf das konzentrieren, was gerade vor einem liegt.
Und mit welcher Strategie willst du deinen Rückstand wettmachen, David?
Lama: Ich habe keine Strategie, ich klettere einfach, so gut ich kann. Allerdings rechne ich mir auf den Titel wenig Chancen aus. Ich war in der bisherigen Saison einfach zu unbeständig, habe zwar zweimal gewinnen können, bin aber auch bei zwei Bewerben nicht mal ins Finale gekommen. Diese Punkte fehlen mir. Aber ich habe ja auch noch die EM und den Rock Master, und für diese Bewerbe hab ich mir einiges vorgenommen.
Und womit belohnst du dich selbst, solltest du gewinnen?
Lama: Weiß ich noch nicht. Ich muss erstmal zusehen, dass ich ein bisschen mehr Kontinuität in meine Resultate bekomme.
Fischhuber: Nach der Boulder-Saison habe ich Wettkampfpause, da komme ich endlich wieder zum Klettern am Fels. Dafür habe ich im August schon drei Wochen in Südafrika reserviert.