Praktisch steckt Stefan Glowacz in den letzten Vorbereitungen zu seiner nächsten Kletterexpedition, mit dem Kopf und dem Herz ist er bereits in Baffin Island an Kanadas Nordküste. In Teil zwei unseres Interviews spricht er über Leidenschaft und Lebensgefahr.
Der Film, der über deinen jahrelangen Kampf mit der Cerro Murallón, der „Vergessenen Mauer“ im patagonischen Inlandeis gedreht wurde, heißt „Facing Obsession“. Wie schmal ist denn die Grenze zwischen Obsession und Sucht beim Extremklettern?
Ich nenne es lieber Leidenschaft als Sucht – auch wenn du manchmal in einen Sog gerätst, durch den du links und rechts nichts anderes mehr wahrnehmen kannst als dein Ziel. Aber Leidenschaft ist in jedem Lebensbereich wichtig, wenn du Großes leisten willst. Passable Leistungen gelingen dir vielleicht auch leidenschaftslos. Aber eben nicht mehr.
Wie entsteht denn die Idee zu einem Projekt wie der Baffin-Island-Expedition?
Meistens gibt es da keinen konkreten Auslöser. Die Faszination entsteht aus der Konfrontation mit Büchern, Zeitungsberichten und Bildern, die man irgendwo sieht. Am Anfang meiner letzten Expedition stand etwa Arthur Conan Doyles Roman „The Lost World“: In Venezuela bin ich ja auf ein Hochplateau gestiegen, auf dem sich die Tier- und Pflanzenwelt über zigtausend Jahre völlig isoliert entwickeln konnte.
Wie ist denn bei einem solchen Vorhaben dein Verhältnis zur Natur: Ist sie dein Gegner, den du niederringen – oder das übermächtige Ganze, in das du dich demütig einfügen musst?
Würde man die Natur als Gegner sehen, hätte man wohl schlechte Karten. Nein, man muss akzeptieren, dass man in dieser Umgebung ein Fremdkörper ist, der sich so gut wie möglich auf die Gegebenheiten einstellen muss. Ich fahre mit dem Bewusstsein hin, zwei Wochen lang ununterbrochen zu frieren und vier bis acht Wochen Quälerei vor mir zu haben.
Welche Rolle spielt das Risiko? Ist die Todesgefahr auch ein Teil der Motivation?
Nein, über dieses Alter bin ich definitiv hinaus. Ich gebe zu, dass mir das früher einen Kick gegeben hat: In meiner Sturm- und Drangzeit bin ich gerne ohne Seil geklettert, um den Reiz der Gefahr auszukosten. Dann bin ich einmal abgestürzt und habe nur mit schweren Verletzungen überlebt. Das habe ich als Wink verstanden, das Schicksal nicht unnötig herauszufordern.
Deine Frau und Kinder würden vermutlich trotzdem nichts gegen einen Familienvater haben, der sich mit einem gepflegten All-inclusive-Urlaub zufriedengibt, statt Solo-Ausflüge ins Packeis zu unternehmen?
Ach, ich weiß nicht. Ohne diese Erfahrungen wäre ich ja ein ganz anderer Mensch. Aber klar, für meine Frau ist mein Abenteuertum nicht so einfach zu akzeptieren. Wäre die Situation umgekehrt und sie würde alleine auf Expeditionen gehen, könnte ich damit wahrscheinlich gar nicht umgehen.
Apropos Familie: Du gibst dich auch privat nicht mit 08/15-Herausforderungen zufrieden – statt eines Kindes mussten es für dich gleich Drillinge sein. Wie ist diese Herausforderung auf der Familien-Schwierigkeitsskala zu bewerten? 8b?
Insgesamt haben wir sogar fünf Kinder, weil meine Frau auch noch zwei in die Ehe mitgebracht hat. Wir haben unglaublichen Spaß miteinander ... aber dass die Probleme mit zunehmendem Alter der Kinder kleiner werden, ist eine Lüge. Den Kids in unserer schnelllebigen Welt Werte zu vermitteln, die ihnen helfen, ihren Charakter zu entwickeln: Das ist Schwerarbeit. Darum würde ich korrigieren: Es ist 7b, aber es gibt auch 8c-Abschnitte.
"... was vor mir noch keiner erlebt hat"
Extreme Kletterherausforderungen in nahezu unberührten Weltgegenden sind Stefan Glowaczs Passion. Im April steht die nächste am Programm: Im ewigen Eis an Kanadas Nordküste, auf Wänden von denen bisher nur Luftaufnahmen existieren. In Teil eins unseres Interviews spricht der 42-Jährige aus Garmisch-Partenkirchen (Deutschland) über Gefahren, Träume – und den Reiz eines Alltagslebens in der Zivilisation.
Noch ein paar Wochen, dann brichst du zu deiner nächsten Kletterexpedition auf. Welche Bilder hast du im Kopf, wenn du morgens aufwachst, mit welchen Gedanken gehst du nachts ins Bett?
Es sind vor allem praktische Überlegungen, die mich ständig beschäftigen: Wie viel Meter Sicherungsseile brauchen wir wirklich? Wissen wir genug über die Felsqualität, die uns erwartet? Wie schützen wir uns vor Eisbären?
Wie denn?
Mit Eisbärenzäunen, die man um das Lager spannt. Versucht ein Bär, durch den Zaun zu brechen, werden Signalraketen und Platzpatronen abgefeuert, die ihn vertreiben sollen. Und natürlich haben wir Gewehre dabei: Zwei Winchester Pumpguns.
Schauplatz der Expedition ist Baffin Island, die fünftgrößte Insel der Welt, gelegen zwischen Grönland und der nördlichen Küste von Kanada. Mit welchen Bedingungen müssen du und dein Team dort rechnen?
Wir bewegen uns fernab jeder Zivilisation bei Durchschnittstemperaturen von -20 Grad. Da gibt es keinen Baum und keinen Strauch mehr – aber viele Unsicherheitsfaktoren. Denn auch die Berichte der Inuit sind nicht allzu aufschlussreich: Die kämen ja beispielsweise nie auf die Idee, einen dieser Berge besteigen zu wollen.
Was ist das Ziel der Expedition ...?
Von Point Inlet, dem letzten Zivilisationspunkt, wollen wir mit Ski-Dos 280 Kilometer weit in den Süden vordringen. Dort gibt es eine Reihe 1200, 1300 Meter hoher Granitwände, die direkt ins Meer abfallen und auf die noch nie ein Mensch geklettert ist. Danach müssen wir uns noch einmal 350 Kilometer weit durch die Wildnis durchschlagen, um Clyde River, die nächste Inuitsiedlung im Süden, zu erreichen.
... und was ist das Ziel, das du dort in dir selbst suchst?
Die Umsetzung meiner Jugendträume: etwas zu erleben, das noch keiner vor mir erlebt hat, etwas völlig Neues zu entdecken – und dieses Erlebnis gleichzeitig mit einer sportlichen Höchstleistung zu verbinden.
Wie ist das, wenn du zwischen zwei Expeditionen ein bürgerliches Leben führst? Fernsiehst, einkaufst, Auto fährst? Genießt du die Annehmlichkeiten wie jeder andere – aber irgendwann kippt der Schalter, und du fühlst dich davon nur noch eingeengt?
Ja, genau so läuft es ab. Wobei mir dieses Doppelleben hilft, beide Seiten umso intensiver genießen zu können. Denn wenn ich eine Expedition wie die kommende hinter mir habe, kann ich die banalsten Alltagserlebnisse viel bewusster genießen – vor allem das Zusammensein mit meiner Familie.